Womit Identifizieren wir uns?

Es ist geradezu naheliegend, sozusagen eine Geburtsnebenwirkung, dass viele glauben, dass sie Ihr Körper sind, dass sie ihre Gedanken sind, dass sie Ihre Gefühle sind. Und irgendwann stellt sich die Frage: Wer sind wir wirklich? Spätestens dann, wenn ein Schicksalsschlag wie Krankheit oder auch Lebensverändernde Umstände wie Arbeitsverlust, Partnerverlust sich einstellen, wenn einem vom Leben etwas weggenommen wurde, was bleibt dann noch übrig? „Und jetzt?“, fragen sie. „Wer bin ich noch?“

Bedauerlicherweise ist es Fakt: Erst durch das Leiden lernt der Mensch, das ein uralter evolutionär bedingter Mechanismus der in unserem Gehirn eingebaut ist.

Aber unser Gehirn entwickelt sich, und damit dürfen wir auch alte Systeme und Mechanismen verabschieden.

Ich habe zwar einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper

Ich habe zwar Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle

Ich habe zwar Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken.

Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper

Der Körper ist erstmal ein Objekt der Wahrnehmung, welches wie jedes Objekt einen Wahrnehmenden bedingt. Die Körperwahrnehmung selbst lässt sich unterteilen in Empfindungen und weiteren sensorischen Eindrücken. Wir gewöhnen uns an diesen Körper. Im Laufe des Lebens vorprogrammiert, und sehr irritierend sind Pupertät, Wechseljahre und der Alterungsprozess. Von früh an bauen wir uns unser Körperbild, so dass es wie ein zusammenhängendes Ganzes wirkt. In dem wir uns mit dem Körper gleichsetzen, entsteht eine Identifikation. Das scheinbare Subjekt (ich), welches sich mit dem Körper identifiziert ist selbst ein Objekt, weshalb es weder der Körper als Identität sein kann, noch ihn besitzen kann.

Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle

Gefühle, wie auch ihre einzelnen Benennungen (Liebe, Wut, Trauer, etc.) sind ebenfalls zusammengesetzte Konstrukte. Das Gefühl von Ärger, besteht aus verschiedenen sich bewegenden Empfindungen, welches erst zu Ärger wird, wenn ich gelernt habe es zu interpretieren. Ich und das Umfeld erfinden eine allgemeingültige Bezeichnung für die Empfindungen, wir geben ihnen Bedeutung und Wert. Gibt es ein Problem mit Empfindungen oder sind es nicht viel mehr die Interpretationen, mit denen ich dieses Gefühl deute? Das scheinbare Subjekt (ich), welches sich mit den Gefühlen identifiziert ist selbst ein Objekt, weshalb es nicht seine Emotionen als Identität sein kann.

Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken

So etwas wie ein Verstand lässt sich nicht finden, sondern ist eher eine Schlussfolgerung. Wir erleben Gedanke für Gedanke mit zeitlosen Lücken dazwischen. Jeweils der einzelne Folgegedanke informiert uns über die Zusammenhänge.

Genau genommen nimmt man immer nur eine Wahrnehmung nach der anderen wahr, und diese Wahrnehmung ist nur scheinbar auf einzelne Objekte gerichtet. Wir erleben also nicht erst einen Gedanken, dann eine Empfindung und danach hören wir eine Stimme, riechen anschließend einen Duft und sehen uns dabei vielleicht eine Blume an. Das Ganze ist immer in eine zusammenhängende Gestalt. Wie wenn wir auf ein großes Bild mit vielen Details schauen, aber nur auf einen bestimmten Bereich fokussiert sind. Bestimmte Bereiche davon sehen wir als Innen (Gedanke, Empfindung) und andere als Außen an (Stimme, Blume, Duft). Das Innen gehört zu mir und das Außen gehört nicht zu mir. Doch bei genauerer Untersuchung (mittels unserer Erfahrung) gibt es dieses Innen und Außen nicht, sondern sind genauso eine Schlussfolgerung wie es mit dem Verstand, dem Körper oder den Gefühlen passiert. Auf diese Schlussfolgerung Körper/Verstand projizieren wir die Ich-Empfindungen, das Gefühl dazu sein, existent/vorhanden zu sein, welches eigentlich die Natur des Bewusstseins ist, dies macht es so real. Man könnte nun diese Fragen auch so formulieren, »ich bin weder mein Verstand noch gibt es einen Verstand«, sondern es ist das Bewusstsein, so wie alles andere auch. Für dieses Bewusstsein gibt es weder ein Innen noch Außen, geschweige denn ein ich und du.

 

Wer sich einmal die Zeit nimmt und seinen Gedanken zuhört, sie aus Distanz beobachtet, als wären sie nicht die eigenen, erkennt schnell, dass die wenigsten von ihnen wirklich für einen wichtig oder spannend sind. Der Lärm im Kopf, diese ununterbrochene Stimme, die wie ein Tonband abläuft: sprunghafte und einseitige Berichterstattung voller Wiederholungen und Widersprüche Wenn es einem mal schlecht geht, scheint es fast, als reiche es nicht, dass man sich schlecht fühlt, man scheint sich das Schlechtgehen auch noch dauernd bestätigen zu müssen. Im Trubel des Alltags jedoch tendiert man dazu, den hypnotischen, fordernden, sich wiederholenden Gedanken zu glauben und ihnen zu folgen – in die Vergangenheit, in die Zukunft, in mögliche Unglücke, Missgeschicke, peinliche Situationen, die entweder schon längst vorbei sind oder nie eintreten werden. Überall geht die Aufmerksamkeit hin, nur nicht ins Jetzt. Und wenn, dann ist man mit dem, was ist, nicht einverstanden: es sollte anders sein, das Wetter sollte besser sein, man sollte nicht arbeiten müssen, es sollte keinen Stau haben. Fertig ist das Gedankenkarussell.

Dabei ist das Jetzt meist viel wohlwollender als alle Gedanken und Bilder. Jetzt sitze ich. Jetzt gehe ich. Jetzt atme ich. Jetzt!

Es ist wohltuend, sich immer wieder zurückzulehnen, die Gedanken nur zu beobachten, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen, in die Gegenwart eintauchen. Ruhe, Heiterkeit stellt sich ein, Gelassenheit. Man erkennt, dass es wirklich keinen guten Grund gibt, stressigen Gedanken Glauben zu schenken .

Ein Lösungsansatz ist Byron Katies Arbeit „The Work“.

 

Übung zur Dis-Identifikation durch Meditation

„Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Ich kann meinen Körper sehen und fühlen, und was gesehen und gefühlt werden kann, ist nicht der wahre Sehende. Mein Körper kann müde oder erregt, krank oder gesund, schwer oder leicht, angstvoll oder ruhig sein, aber das hat nichts mit meinem inneren Beobachter, dem Zeugen, zu tun. Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Er dient mir lediglich als Vehikel und ich kann ihn willentlich steuern. Sportler tun das in dem sie Trainieren.

Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle. Ich kann meine Gefühle empfinden und spüren, und was empfunden und gespürt werden kann, ist nicht der wahre Empfindende. Gefühle kommen und gehen, aber sie berühren meinen inneren Beobachter nicht, den Zeugen. Ich habe Emotionen, aber ich bin nicht meine Emotionen. Diese Erkenntnis bringt die Freiheit mit sich, dass man kein Opfer seiner Gefühle mehr sein muss, dass keine Gefühle mehr über einen herfallen und mit einem tun was sie wollen. Das Kontrollieren, das oft Gleichgesetzt wird mit wegdrücken, unterdrücken, verleugnen wird überflüssig. Auch wird einem bewusst, dass man zu jeder Zeit die Wahl hat, wie wir auf Gefühle reagieren wollen.

Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken. Ich kann meine Gedanken sehen und erkennen, und was erkannt werden kann, ist nicht der wahre Erkennende. Gedanken kommen und gehen wieder, und mögen sie noch so verurteilungswürdig sein, aber sie berühren nicht wirklich meinen inneren Beobachter. Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht Gedanken.

Ich bin weit mehr. Ich bin das, was übrig bleibt, ein Zentrum reinen Gewahrseins, der Beobachter, reines Bewusstsein, und damit Schöpfer und Creator.

Ich bin.

Das sind Worte mit viel Kraft.